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interessante Blitzgedanken

Fortnite und die USK

Ein Vater im Dilemma

“Warum ist Fortnite ab 12?” – mit dieser Frage nämlich fing dieser Beitrag für mich als Autor an. Ich bin Philosoph. Und ich bin auch Vater. Philosophie, Pädägogik und Fortnite – gibt es da überhaupt Berührungspunkte? Das Streben nach Weisheit und Erkenntnis einerseits. Das völlig verharmloste, bis zur kindlichen Unkenntlichkeit verzerrte und pervertierte “Abschlachten im Multiplayermodus” in einem Computerspiel andererseits. Wo also ist da noch ein Zusammenhang?

Als Elter mit der Aufgabe konfrontiert, die eigenen Kinder zu mündigen Demokraten zu erziehen und mit menschlichem Weltentwurf auszustatten, ist Fortnite (wie viele andere Spiele auch) eine echte Herausforderung. Ein Spiel kommt mit harmlosem “USK-12” daher. Die Kinder verstehen als von vornherein nicht, warum sie ein Spiel “ab 12” nicht spielen dürfen sollten. Doch das Kuschelkätzchen mit dem Maschinengewehr in einem der zugehörigen Youtube-Videos macht hellhörig. Was für ein Weltbild wird hier eigentlich transportiert?

Ethik

Wieso hängen Philosophie und Pädagogik, hier: Medienpädagogik, so eng zusammen? Der Zusammenhang ergibt sich indes zwingend aus der Ethik. Aus der Frage nach richtig und falsch, gut oder böse nämlich. Wann handelt der Mensch gut? Wann handelt er stattdessen böse? Genau diese Fragestellung wird in der Spielsituation in diesem Kassenschlager fürs Kinderzimmer zur Perversion geführt.

Sicher: der Mensch ist beides – gut wie böse. Doch soll der Erwachsene, der gesellschaftsfähige Bürger eine klare Moral und Ethikeinstellung entwickelt haben. Thriller, Horrorfilme, Actionfilme, … oft spielen sie mit unserem Bedürfnis, auch mal Böses zu tun, es zuzulassen. “Der Schrecken zieht mich an” gilt dabei für viele Filme wie Computerspiele. Doch nicht ohne Grund wird erst dem volljährigen Erwachsenen zugetraut “jede beliebige” Situation ethisch einzuordnen.

Entwicklung und Erziehung

Dem Kind und Jugendlichen fehlt schließlich noch diese Fähigkeit – die Fähigkeit zwischen Gut und Böse zu unterscheiden – zu weiten Teilen. Je nach Persönlichkeit natürlich in stark unterschiedlichem Maße. Hier kommt in Bezug auf Filme und Computerspiele entsprechend die Medienpädagogik ins Spiel.

Ein Kind

Ein Beispiel

Der Film “Der Hobbit” nach J.R.R. Tolkien in der Verfilmung von Peter Jackson ist USK ab 12. Ein Elb rammt einem Ork einen Dolch in den Schädel… richtiges oder falsches Verhalten? Per Definition in der Fantasywelt Mittelerdes kämpft der Ork auf der bösen Seite und der Elb auf der guten. Ein Fall von “Selbstverteidigung”?

Krieg am Beispiel von Tolkiens Mittelerde

Der/dem 12-Jährigen wird hier gewissermaßen vorgeführt, dass brutales Töten in Ordnung ist, wenn man auf der “richtigen” Seite steht. Eine sehr künstliche Situation, gibt es doch kein Pendant zum “Ork” in der menschlichen Völkergemeinschaft unsererer Zeit. Dennoch wird gerade zum Zwecke der Kriegsrechtfertigung in der Politik immer wieder mit sehr ähnlichen Feindbildern gespielt. Man sieht: der Einzelfall der Medienpädagogik wird schnell kompliziert. Kein Fall ohne Ausnahme ist also zu vermuten.

Krieg in Fortnite

Laut Wikipedia ist Fortnite ein Koop-Survival-Shooter. Als Schütze (Shooter) läuft man durch eine Welt, die sehr nah an unsere reale Welt angelehnt ist. Viele Elemente wie Fahrzeuge, Gebäude, Landschaften könnten gleich in der Nachbarschaft in der realen Welt liegen. der Spieler kämpft ums “Überleben”. Überleben deshalb, weil jeder versucht, den anderen umzubringen. Ggf. alle anderen bis auf die Mitspieler in der Gruppe (typischerweise zwei).

Es ist der Krieg im Häuserkampf und auf dem “Feld”. Ganz so wie er heute in Syrien, Afganistan und anderen Kriegsplätzen Realität ist. Gut sind per Definition “wir”, böse entsprechend “die anderen” im Spiel. Bezüglich der Avatare ist alles vertreten, vom durchgeknallten Psycho bis zum niedlichen Kuschelkater. Jeder wählt seinen “Skin” gemäß Geldbörse im Onlineshop. Die Spielfirma macht Millionen. Jetzt, wo anhand der Rahmenhandlung und der Charaktere nicht mehr klar ist, wer gut und wer böse ist, bleibt nur das Verhalten selbst, um zu entscheiden, was richtig und was falsch ist.

Fortnite – Wieso ab 12?

Warum ist Fortnite ab 12? In Fortnite gibt es nur ein Spielziel: das Töten der anderen Mitspieler. Erst wenn es nur noch einen Überlebenden gibt, hat das Spiel sein “Happy End”. Ein Kopfschuss gibt extra Punkte. Dem Gegenüber mit der Spitzhacke den Schädel zertrümmern: in Fortnite ohne sichtbare Auswirkungen. Egal, wie man sein Gegenüber massakriert, einzig dessen “Lebensenergie” geht runter. Am Ende ist der gegnerische Avatar zwar “tot”, aber er verpufft auf wundersame Weise und sein gesammeltes Inventar steht zur Abholung bereit. Warum also ist Fortnite ab 12?

Junge im Fortnite-Kostüm
Junge im Fortnite-Kostüm

Fortnite und USK-12 oder ein Fall von Verrohung

Dazu findet man auf der Webseite der USK (Unabhängige Selbstkontrolle) zu USK-12:

Sofern sie durch die Handlung gerahmt und nicht zu detailliert gezeigt werden, können auch realistischere Gewalttaten thematisiert werden […] Die daraus entstehende Auseinandersetzung oder auch Identifizierung mit Problemen und Charakteren darf 12-jährige dabei zwar herausfordern; sollte aber weder verstörend oder sozial-ethisch/sexual-ethisch desorientierend wirken.

https://usk.de/alle-lexikonbegriffe/usk-ab-12-jahren/

Und die bei Fortnite enstehende Auseinandersetzung ist nicht “verstörend” nicht “sozial-ethisch desorientierend”? Doch! Genau das ist sie. Dennoch ist Fortnite als “USK-12” eingestuft. Geradezu lächerlich.

Hier wird Gewalt ganz eindeutig verzerrt, ja pervertiert und derart verharmlost, dass man sich nicht mehr wundern darf. Wundern über eine zunehmende Verrohung in der Gesellschaft (durch diese und ähnliche Medienfreigaben für Kinder und Jugendliche). USK ist nicht besonders unabhängig sondern mittlerweile vor allem eins: lächerlich nichtssagend. Natürlich lässt sich die Uhr nicht mehr zurück drehen.

Fazit

Philosophie im Sinne von Ethik einerseits und Computerspiele andererseits – für Eltern ist das ein Spannungsfeld. Das Spannungsfeld der Medienpädagogik. Alle Eltern sehen sich und vor allem ihre Kinder heute einer regelrechten Medienflut ausgesetzt. Medienpädagogik ist von enormem Stellenwert in der heutigen Erziehung. Für sehr viele Kinder nehmen Medien und insbesondere Computerspiele und Filme einen imensen Stellenwert ein.

Um Eltern angeblich zu unterstützen, werden Spiele und Filme bzgl. ihrer Altersgerechtigkeit eingestuft, freiwillig von der Industrie selbst. Das Label “USK” ist für Eltern aber heutzutage eher ein Irrlicht als eine Hilfe in der Medienerziehung.

  • Was für ein “USK-12” haben wir jeweils? Ist es “USK-15.9” oder “USK-12.0”?
  • Soll ich meinen Junior im Zielfernrohr seines Scharfschützengewehr Menschen umlegen lassen, die hilflos im Wasser schwimmen?
  • Oder ist es “nur” ein Autorennspiel, in dem ein Streifenwagen der Polizei gerammt wird?

Sicher, selbst bei angestaubten Spieleklassikern wie Schach geht es um Krieg und Töten. Aber müsste ein Kinderschutz-Label, ein Label zur Alterfreigabe nicht auch den Abstraktionsgrad der Gewalt mit einbeziehen? Ist es nicht viel verwerflicher, Gewalt derart verzerrt darzustellen, als das Kind erkennen zu lassen, dass Gewalt fast immer “böse” ist? In diesem Fall ist Gewalt vor allem eines: morbider Spaßfaktor. Es macht in der bizarren Spielewelt geradezu Spaß, Macht zu haben, auf andere anzulegen und abzudrücken. Das jedenfalls vermittelt dieses Spiel. Eine widerlich verzerrte Welt.

Im echten Leben darf Gewalt nur zum Schutz des “Guten” Legitimation erfahren. Auch das Gewaltmonopol des Staates aber wird heutzutage in den Medien der Lächerlichkeit preis gegeben. So erzieht man keine mündigen Demokraten. Eltern müssen heutzutage Medienerziehung trotz und gegen die USK und nicht mehr mit deren Hilfe stemmen. Höchste Zeit, umzudenken. Meine interessanten Blitzgedanken über Gewaltspiele und Medienpädagogik.

SH, 11.2020

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