Alle 11 Jahre


Alle 11 Jahre kommt es zum atomaren Super-GAU. Z.B. fliegt dann ein Atomkraftwerk in die Luft. Mindestens alle 11 Jahre ist ein Kernreaktor außer Kontrolle. Natürlich bin ich kein Hellseher. Aber rein aus unserer bisherigen Erfahrung mit Kernkraft heraus, kann man keinen anderen Schluss ziehen: Im Schnitt kommt es alle 11 Jahre zum Super-GAU – zu mehr als dem größten anzunehmenden Unfall (GAU) an einem Kernreaktor. Das ist seit 2012 bekannt, und deshalb hat sogar die CDU-geführte alte Regierung damals auf den enormen Gefahrendruck hin das Aus für die Kernenergie in Deutschland beschlossen. 11 Jahre – Kann nicht sein, sagen Sie? Dann lesen Sie weiter!

Der GAU und die Haarspalter

Vom Wort ausgehend sollte man meinen, dass der GAU tatsächlich den “größten anzunehmenden Unfall” bezeichnet. Dem ist nicht so. Er bezeichnet im Jargon der Atomlobby den größten Unfall, den der Betreiber eines Atomkraftwerks unter Kontrolle hat. Ich finde das zynisch. Denn sehr wohl kann es viele viel größere Unfälle geben, die an einem AKW passieren können. Insbesondere durch Wirkung von außen.

Ja, in der Tat: 440 AKWs stehen auf unserem Heimatplaneten und sind seinen Einflüssen und denen seiner Bewohner ausgesetzt. Unfälle, die über den GAU hinaus gehen, werden von der Atomlobby oft und gerne ausgeblendet. Dass dies völlig ungerechtfertigt ist, zeigt die folgende Analyse.

Wahrscheinlich oder unwahrscheinlich?

Stochastik ist die Mathematik des Zufalls. Sie fasst Wahrscheinlichkeitsrechnung und Statistik zusammen. Also auch mit der Frage, wie wahrscheinlich oder unwahrscheinlich ein bestimmtes Ereignis ist.

Würfel

Von vorne herein theoretisch lässt sich das nur selten sagen. Wir wissen etwa bei einem Würfel mit sechs Seiten, dass “eine Seite” die Wahrscheinlichkeit 1/6 = 0,1666… = 16,67 % hat. Im Schnitt wird alle sechs Würfe eine Sechs gewürfelt. Es können z.B. auch mal drei Sechsen hintereinander sein, und dann eine Weile keine. Aber im Schnitt ist es so. Wer Mensch-Ärger-Dich-Nicht kennt, weiß wie sich das anfühlt. Rein mathematisch ist es klar.

Wenn die Welt nicht so einfach ist …

Mathematik
Eulersche Identität – die Welt ist komplex

In der Realität hingegen zieht man in der Regel a posteriori Wahrscheinlichkeiten hinzu, um bestimmte Ereignisse bezüglich ihres Auftretens zu beurteilen. Man betrachtet die Statistik, die Häufigkeit, mit der das Ereignis aufgetreten ist. Dies ist meist eine gute Näherung für die tatsächliche a priori Wahrscheinlichkeit. Also die Wahrscheinlichkeit, mit der man das Eintreten eines Ereignisses voraussagt.

Der Super-GAU und die Welt

Wichtig ist hier die genaue Definition des Ereignisses. Im folgenden soll es um das Ereignis eines “Super-GAUs” gehen. Damit soll ein tatsächlich extremer Unfall an einem Kernreaktor gemeint sein, der zur Katastrophe führt. Strenggenommen reichte es für einen Super-GAU im Sinne der Atomlobby, wenn größere Mengen radioaktiver Stoffe entweichen. Dies ist sicherlich noch viel öfter passiert, und ist hier nicht mitgemeint. Es geht um Super-GAUs mit großen Katastrophen. Zynischer Weise ist diese Katastrophe immer noch sehr klein verglichen mit der Wirkung einer atomaren Bombe.

Dennoch: die Gesellschaft für Strahlenschutz schätzte 2011, dass an den Folgen von Tschernobyl ca. 1.400.000 Menschen gestorben sind.

Um dieses Ereignis, den Super-GAU im obigen Sinne (vielleicht genauer: Vorfälle der Stufe 7 der INES Skala), objektiv zu beurteilen, muss man u.a. ausblenden, wie und wo die Kernreaktoren in der Realität betrieben werden. Das wird im folgenden deutlicher.

Es soll einfach um “Kernreaktoren” gehen. Die wie auch immer geartete Sicherheit (womöglich gar absolute?) eines Kernreaktors an dieser Stelle voraus zu setzen, ist völlig unsachlich und mathematisch irreführend. Auch

  • über etwaige Ursachen für die hier betrachteten Ereignisse zu spekulieren
  • insbesondere darüber, ob diese überhaupt auftreten können oder nicht
  • wo sie auftreten können und wo nicht

verfälscht letztlich die objektive, mathematische Herangehensweise. Solche Denkweise, die das gewünschte Ergebnis einer Betrachtung schon vorweg nimmt, ist nicht mehr als Politik (hier: speziell konservativer Politiker ohne Phantasie).

Die Datenlage

Wie ist die bisherige Sachlage? Wie oft also traten Super-GAUs (bekanntermaßen) bisher auf der Erde auf?

  • 1986: Katastrophe von Tschernobyl, Ukraine, 1x
  • 2011: Nuklearkatastrophe von Fukushima Daiichi, Block 1, 2 und 3, Japan – 3x

Ja, richtig gelesen: 2011 waren es tatsächlich 3 Vorfälle der Stufe 7 der INES Skala an einem Ort.

Folgerung – Warum 11 Jahre?

Das MPG hat damit (vier solcher Vorfälle und die Anzahl Reaktorjahre weltweit bis dahin) eine a posteriori Wahrscheinlichkeit von 0,02% pro Reaktorjahr für einen solch schweren Vorfall (salopp: Super-GAU) errechnet. Aktuell (2022) haben wir 440 AKWs auf der Welt, Tendenz steigend. Es befinden sich 53 Reaktoren laut der IAEA im Bau.

Damit ergibt sich eine Wahrscheinlichkeit für einen Super-GAU von mindestens 440 × 0,02 % = 8,8% pro Jahr für die Zukunft.

Nach wie viel Jahren muss man also im Schnitt mit einem Super-GAU rechnen? Das ist jetzt einfach: 1 (das Auftreten 1 Super-GAUs) = 100 * 1/100 = 100 % , geteilt durch 8,8 %:

100 / 8,8 = 11,36

Nach durchschnittlich 11,36 Jahren muss man also wieder mit einem Super-GAU rechnen. Natürlich passte dazu genauso, wenn man nach 22 Jahren zwei Super-GAUs auf einmal hätte etc.. Das ist reine Stochastik.

Und nun, 11 Jahre danach? – Fazit

Am 11. März diesen Jahres jährte sich die Katastrophe von Fukushima zum elften Mal: sie ist über 11 Jahre her. Kein sehr beruhigendes Gefühl im Sinne der obigen Stochastik.

Menschen aber vergessen im Allgemeinen sehr schnell, und insbesondere unangenehme Ereignisse vergessen sie besonders schnell wieder.

einfacher Mensch

So ist dann auch in Deutschland der Ruf nach Atomkraft 2022 aufgrund der Energiekrise immer lauter. 41 % der Deutschen befürworten aktuell eine Verlängerung der Atomkraft. Weitere 41 % sind sogar für eine langfristige Nutzung der Atomkraft. Nur 5 % der Deutschen sprechen sich für ein Ende der Atomkraft in Deutschland zum Ende des Jahres aus.

Schade, dass im Land der Dichter und Denker nur noch 26.000 Mathematiker leben. Anscheinend reicht das nicht, um die Sache sachlich zu betrachten. Die breite Masse kann den obigen Sachverhalt nicht erfassen oder erkennt die Tragweite nicht. Auch wenn dann ein AKW in Westeuropa explodiert, was über kurz oder lang passieren wird, wird auch dies spätestens vergessen sein, wenn gefordert wird, im Winter in der eigenen Wohnung einen Pullover zu tragen.

Armes Deutschland.

eigene Gedanken, SH 09.08.2022

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