Ausnahmen bestätigen die Regel

Was heißt “Ausnahmen bestätigen die Regel”? Oder “die Ausnahme bestätigt die Regel”? Woher kommt der Ausdruck? Was bedeutet er im Alltag? In der Naturwissenschaft? Wieso sind 100%ig gültige Regeln so selten, ja führen sogar oft zum Widerspruch? Warum hat die Ausnahme solche Bedeutung?

Man könnte auch sagen: Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. Doch davon im Folgenden mehr.

Grundsätzliche Bedeutung

Wenn jemand sagt “Ausnahmen bestätigen die Regel“ betont er damit, dass es eine ganz normale Sache ist, dass eine Regel nicht in 100% der Fälle gilt. Ja, dass die Regel sogar an Aussagekraft gewinnt, dadurch dass man eine Ausnahme von ihr entdeckt hat. Das Wesen der Ausnahme ist, dass sie sehr selten auftritt. Sie ist quasi das Gegenteil einer Regelmäßigkeit, doch gehören beide auch in gewisser Weise zusammen.

Ein perfekter Kreis etwa ist extrem regelmäßig: Alle Punkte darauf haben exakt dengleichen Abstand zum Mittelpunkt M, nämlich den Radius r. Im realen Universum gibt es nicht einen einzigen perfekten Kreis. Ein spitzfindiger Philosoph würde sagen, dass der Kreis ein Gedankenkonstrukt ist, das es real gar nicht gibt. Der Grund ist, dass jedes noch so gut scheinende Beispiel für einen Kreis (oder Kugel) bei genauem Hinsehen Abweichungen von der Perfektion zeigt. Ein Wassertropfen im Weltall etwa ist zwar sehr rund, weil keine Gravitation auf ihn wirkt. Aber einzelne Wassermoleküle auf der Oberfläche verlassen den Tropfen in ihrer Dynamik: der Kreis (die Kugel) ist nicht perfekt. Dennoch bestätigen die wenigen Ausreißer die nahezu perfekte Kugelform des Tropfens. “Ausnahmen bestätigen die Regel.”

Zum einen weist das Sprichwort darauf, dass nichts im Universum perfekt ist. Nichts materiell Reales jedenfalls. Zum anderen zeigt es, dass eine Regel eigentlich durch die auftretenden Ausnahmen erst bekräftigt wird. Denn indem die Ausnahme als Ausnahme erkannt wird, wird auch die Häufigkeit des Auftretens der Regel erkannt. Der seltene Einzelfall steht plötzlich dem fast allgemeingültigen Regelfall gegenüber.

Ausnahmen bestätigen die Regel
Der Springer

Beispiele

“Ausnahmen bestätigen die Regel” – Beispiele:

  • Eine Regel aus der Biologie lautet: “Die Lebewesen auf unserem Planeten lassen sich aufteilen in Pflanzen, Tiere und Menschen.”. Doch es gibt Ausnahmen:
    • Pilze sind weder Pflanzen noch Tiere, oder
    • Gentechnik kann Chimären hervorbringen.
  • Ausnahmen bestätigen die Regel. – in einer Straße herrscht Parkverbot, außer zwischen 20:00 und 6:00 Uhr.
  • Dann eine Regel aus meinem Hobby: “Wenn ich Schach spiele und auf der gegnerischen Grundreihe einen Bauern umwandle, hole ich mir eine Dame dafür.” Auch hier gibt es seltene Ausnahmen: Ist das Einzugsfeld ein Ausgangspunkt für eine Springergabel, mit der ich Dame und König attackieren kann. Dann wandle ich lieber in einen Springer um, gewinne die Dame und habe effektiv eine Figur mehr.

Alles zur “Ausnahmen bestätigen die Regel”

Ursprung

Die Herkunft des Sprichwortes reicht sehr, sehr weit zurück. Bis in die Antike. Das Sprichwort ist abgeleitet vom lateinischen exceptio probat regulam in casibus non exceptis („Die Ausnahme bestätigt die Regel in den nicht ausgenommenen Fällen.“). Cicero wandte sie in der Verteidigung Lucius Cornelius Balbus Maiors an. Er argumentierte, dass wenn eine Ausnahme eine Handlung illegal mache, dann sei diese Handlung in den anderen Fällen, die nicht von dieser Ausnahme betroffen sind, als gesetzeskonform zu bewerten.

Das Sprichwort “Ausnahmen bestätigen die Regel” in anderen Sprachen

Wie schon das Sprichwort “Aller guten Dinge sind drei” ist auch dieses entsprechend tief in der Europäischen Geschichte verwurzelt. So kommt es auch in anderen Sprachen, wenngleich abgewandelt, vor. In Englisch z.B. heißt es: “the exception that proves the rule”. Vielleicht wörtlich etwas wie: “die Ausnahme, die die Regel beweist”.

Im Französische dabei wiederum: “c’est l’exception qui confirme la règle”. Wörtlich: “es ist die Ausnahme, die die Regel bekräftigt”.

Auf Italienisch heißt es indes “l’eccezione che conferma la regola”, also “die Ausnahme, die die Regel bestätigt”. – Es wäre interessant zu sehen, in welcher europäischen Sprache es keine Entsprechung zu dem Sprichwort gibt.

“Ausnahmen bestätigen die Regel” im Alltag

Im Alltag sagt man manchmal salopp “Ausnahmen bestätigen die Regel” und meint damit eine klassische Daumenregel, also eine Regel, die ohnehin nicht fast immer gilt, sondern eher grob, ungefähr. Um solche Daumenregeln zu rechtfertigen wird oft unser Sprichwort hier bemüht.

Mathematik, Gesetze und die “Ausnahmen”

Gesetze in der Mathematik: In der Mathematik hat man oft das Problem, eine Behauptung beweisen zu wollen. Anders als im realen Leben sind Behauptungen hier entweder wahr oder falsch. Ein Ausdruck, über den sich nicht sagen lässt, ob er wahr oder falsch ist, ist hier schlicht keine Behauptung. Nun gibt es in der Mathematik oft eine sehr elegante Methode, eine Behauptung zu beweisen. Man nimmt nämlich das Gegenteil an und folgert dann logisch daraus einen Widerspruch – was oft sehr leicht ist. Damit ist die ursprüngliche Behauptung bewiesen. Nicht ganz das, was das Sprichwort meint, aber die Mathematik lässt keine Ausnahmen von “wahr” zu. Eine Behauptung kann nicht meistens wahr sein, sondern nur immer wahr oder immer falsch.

Wissenschaft und “Ausnahmen bestätigen die Regel”

Interessant ist eine Regel aus der Physik (Optik), die lautet:

“Propagiert Licht von einem optisch dichteren in einen optisch dünneren Stoff über, dann ist der Brechungswinkel größer als der Einfallswinkel. Vergrößert man nun den Einfallswinkel noch weiter, dann wird das Licht an der Grenzfläche vollständig reflektiert. Dieser Vorgang wird Totalreflexion genannt.”

Doch auch hier gibt es eine Ausnahme: Bringt man an die Grenzfläche ein zweites optisch dichteres Medium mit einem winzigen Spalt zum ersten, so tritt der sogenannte Tunneleffekt auf. Ein Phänomen aus der Quantentheorie. Ein Teil des Lichtstrahls wird ausgekoppelt (tunnelt durch die Barriere) und erreicht das zweite dichtere Medium auf unerwartete Art.

Ausnahmen bestätigen die Regel
Licht fällt durch Glas und reflektiert

Fazit

Ausnahmen sind im wahrsten Sinne etwas besonderes, außergewöhnlich. Sie sind der Fehler von der Perfektion. Und zugleich zeigen sie uns fast allgemeingültige Regeln. Regeln, die wir ohne die Ausnahmen vielleicht gar nicht entdeckt hätten. Oder Regeln, die sich nicht aufrechterhalten ließen, wenn es nicht auch Ausnahmen gäbe.

Sucht man nach einer Regel in einem unbekannten Terrain, so wird man gerade damit beginnen: Alle Vorkomnisse, alle Ereignisse nach “regelhaft” und “ausnahmsweise” zu sortieren.

Nur in der reinen Mathematik kommt man mit absoluten Regeln zurecht, die keine Ausnahmen dulden. Ähnlich wie in einer Diktatur. Doch hier sind es dann in der Regel die Mächtigen, die Ochlokraten, die sich nicht an Regeln und Gesetze halten. Um ehrlich zu sein, wenn ich dies so schreibe, finde ich, dass auch in unserer ehrwürden Demokratie die Mächtigen, die Politiker und Großindustriellen, sich das unmoralische Recht nehmen, eine Extrawurst zu sein. Nicht ohne Grund schrieb ein Influenzer neulich: “Die 3G-Regel wird in Deutschland fast so streng kontrolliert, wie die Steuerhinterziehung der Superreichen.”

Ausnahmen bestätigen die Regel
Raben – bis auf wenige Ausnahmen fliegen alle davon

Also: Sei nicht so streng mit Dir. Du bist ein guter, liebenswerter Mensch! Wenige Ausnahmen bestätigen die Regel. Es sind nämlich oft die wirklich verachtenswerten Menschen, die sich selbst subjektiv ja für so “wunderbar” und “toll” halten und sich über andere erheben.

Der Zugang zur Macht muß Menschen vorbehalten bleiben, die nicht in sie verliebt sind.

Platon

In diesem Sinne. Bleib Dir treu!

SH, 26.11.2021

Sei der Erste, der diesen Beitrag teilt!