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Der Fehler als Grundlage von allem

Warum also sind Fehler so wichtig? Ja mehr noch. Wie kommt es nämlich, dass ohne Fehler gar nichts geht, nichts existieren kann? Wie kommt es, dass Fehler sogar Grundlage von allem Sein sind?

Ein Zitat zum Fehler vorweg

Wie so vieles ist das Leben ein Resultat eines Fehlers, einer kleinen Asymmetrie. Das ganze Universum ist das Ergebnis einer kleinen Asymmetrie. Wenn alles perfekt wäre, würde es uns gar nicht geben.

Harald Lesch

Als ich vor Kurzem diesen Beitrag von meinem Physiker-Kollegen Harald Lesch sah, erinnerte ich mich. Erinnerte mich an Zeiten meines Studiums. An Zeiten des logischen, tiefen Denkens und Philosophierens. An erste Blitzgedanken.

Symmetrien und Asymmetrien. Mit ihnen erklären die Naturwissenschaften sehr viele Phänomene, fast alles. Das Standardmodell der Teilchenphysik – die am besten überprüfteste Theorie von allen auf der Welt – ist ein mathematisches Modell, das auf Symmetrien und Asymmetrien fußt.

Ein Beispiel eines Fehlers

Ein gedeckter runder Tisch zum Beispiel, neben jedem Teller liegt links ein Löffel. Die Gäste aber wissen nicht: Liegt mein Löffel links oder rechts von mir? Zu Beginn ist alles symmetrisch. Dann plötzlich. Ein Gast nimmt einen Löffel rechts von sich. Die Symmetrie ist jetzt gebrochen. Jedem Gast ist plötzlich der Löffel rechts von ihm zugeordnet.

Derartige Problemstellungen gibt es unzählige in der Natur, im Universum. Ja, krasser noch: selbst den Urknall, den Beginn von allem, hätte es ohne Asymmetrie, ohne Fehler nicht gegeben. Auch das Ungleichgewicht zwischen Materie und Antimaterie: Resultat einer Asymmetrie, eines Fehlers. Nur deshalb gibt es so wenig Antimaterie im Universum, dass es stabil existieren kann.

Perfektion

Und wir? Maßen uns an, nach Perfektion zu streben. Definieren dabei Perfektion als Fehlerfreiheit. Was für ein ausgekochter Schwachsinn! Gerade der Fehler nämlich führt zur eigentlich erstrebenswerten “Perfektion”. Perfektion nicht im Sinne des perfekten Kreises. Nein. Perfektion im Sinne der wärmegebenden Sonne in einem herumeiernden Zentrum des Planetensystems. Erst durch die Erkenntnis, mit Fehlern und aus Fehlern zu Lernen, kommen wir dabei weiter. Machen Veränderungen durch, verbessern uns. Eine wachsende Pflanze z.B. lässt sich nicht zu teeren. Ein starrer Rahmen hält keiner wachsenden Lebensform stand.

Erst Fehler machen Symmetrien schön

Nur das Chaos, die Zerstörung – etwa durch Krieg oder Gewalt – sind stärker als Leben, Fehlerhaftigkeit und Liebe. Doch enden sie nur im Nichts, im Tod, in der Katastrophe für das Leben. Sie können das Leben auslöschen, aber nicht beherrschen. Sie sind vielleicht mächtiger, profitabler, aber auf keinen Fall erstrebenswerter. Nicht besser.

Die Perfektion nämlich ist nicht mehr als ein logischer, ein mathematischer Gedanke. Eigentlich ist sie nur ein Gedankenspiel. Das Spiel etwa wie das um den perfekten Kreis. Diesen perfekten Kreis nämlich gibt es in Wirklichkeit nicht. Nirgends im Universum. Kein einziges, irgendwo existierendes Objekt ist perfekt kreisförmig.

Vertraut in das Leben!

Einen Punkt. Ein Etwas kann es geben. Ein “das ist“. Ein “es ist”. Aber keine Perfektion. Perfekt ist nur das Nichts. Und das Streben nach Nichts führt darüber hinaus in Tod und Verderben.

Lehrt Eure Kinder, dass Fehler in Ordnung sind! Lehrt sie folglich nicht Antworten, lehrt sie Fragen! Nicht Stillsitzen oder gar Marschieren, nicht Exerzieren oder etwa Leisten. Stattdessen Fühlen und Zuhören, Spüren. Lehrt sie Beobachten und auf ihr Bauchgefühl hören! An sich selbst zu glauben! Und vertraut! Vertraut auf das Leben, die Fehlerhaftigkeit des Universums, die Liebe und vertraut vor allem in die Kinder und in die Zukunft Eurer Kinder!

Natur ist voller Fehler und voller Schönheit
Hirsch

Es gibt ohne Chaos keine Ordnung. Und ohne Fehler gibt es kein Leben, keinen Fortschritt und also auch kein Weiterkommen. Ohne Fehler gibt es nur ein sich im Kreis drehen, ein auf der Stelle treten.

Fehler in der komplexen Mathematik

Dieses “sich im Kreis drehen” will ich schließlich an drei simulierten (also mathematisch exakt berechneten) Beugungsbildern veranschaulichen. Das erste stammt dabei von einem perfekten Kreis. Das zweite dann von einem Kreis mit einer kleinen Macke, einem winzigen Fehler. Das dritte schließlich von einem Kreis mit mehreren Fehlern, mehreren Asymmetrien nämlich.

Das Beugungsbild des perfekten Kreises ist indes langweilig, ohne Komplexität vor allem. Mit zunehmenden Fehlern nimmt dann aber die Komplexität des Systems, des Beugungsbildes, zu. Es wird interessanter und dabei darüber hinaus schwerer verstehbar. Und vor allem ist es nun plötzlich eines: neuartig. Eine Kreation. Etwas Gewachsenes.

Fazit

Fehler und Kreationen hängen also zusammen. Neues Leben gewissermaßen. Wachstum. Letztlich ist auch Kunst eigentlich das Spiel mit dem Fehler. Eine Kunst ohne Fehler nämlich ist trivial, ist gewissermaßen kitschig. Natur hingegen kennt keinen Kitsch. Sie hat nämlich immer Fehler, “Ungenauigkeiten”. Sie lebt dabei. Natur ist. Und Natur und sogar das Sein selbst brauchen insbesondere und vor allem Fehler.

Marlene Dietrich

Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte, würde ich die gleichen Fehler machen. Aber ein bisschen früher, damit ich mehr davon habe.

Marlene Dietrich

Jedes Kind spürt den Irrsinn im Streben nach Perfektion, nach Fehlerlosigkeit. Es wehrt sich natürlicherweise gegen Leistungsdruck, Hausaufgaben und Gleichschaltung. Den Irrsinn der heutigen Form des Kapitalismus, der Leistungsgesellschaft.

Macht Euch und Eure Kinder frei! Macht Fehler! Steht dazu, lernt daraus! Verändert Euch! Irrt!

Lebt!

SH, zur Zeit der COVID-19 Pandemie 12.2020

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